Von der Überflüssigkeit des Menschen
IDENTITÄT
INDIVIDUALITÄT
BESTIALITÄT
Ich persönlich bin der Ansicht, daß in allen Regierungssystemen, welcher Art auch immer, sich die Niedrigkeit an die Stärke heftet und die Schmeichelei an die Gewalt. Und ich kenne nur einen Weg, zu verhindern, daß die Menschen sich selbst herabwürdigen: wir dürfen niemand mit der Allmacht zugleich die unbeschränkte Gewalt einräumen, die Menschen zu erniedrigen.
Alexis de Tocqueville
Vorsatz: Ansichten eines Humanisten. 1. Vom Menschen im Überfluß zum überflüs- sigen Menschen. 2. Über die Identität des Menschen. 3. Vom nutzlosen Menschen. 4. Was aus dem überflüssigen Menschen wird. 5. Die Entwürdigung des Menschen. 6. Hoffnung.
Vorsatz
Ansichten eines Humanisten
Gleich zu Beginn der Stich ins Wespennest. Sind wir eine egoistische Gesellschaft? Stehen sich Individualismus und Solidarität unvereinbar konträr gegenüber? Aber, aber..., frage ich zurück, ist es nicht offensichtlich für jeden dessen Augen scharf blicken und der sehen will, daß wir schon Mitten in der egoistischen Gesellschaft hausen? Und Individualismus wie Solidarität sind in diesem Umfeld ohnehin nur Chimären, ja Mythen einer vergangenen Welt. Einer Welt, in der sich die Gemeinschaft noch nicht an die ökonomische Welt verloren hatte, sondern danach trachtete, den Menschen als Zweck allen Handelns zu begreifen.
All dies ist bekannt. Viel interessanter dürfte es deshalb sein zu schauen was mit dem Individuum, das unter dem Druck des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und im Gefüge einer Effizienzideologie als bloßes Mittel benutzt wird, in der bestehenden Lage eigentlich geschieht.
Synergieeffekte und Effizienz sind die Stichworte der Gurus des Wachstums und Wohlstandes. In dem Maße jedoch da sich der Effizienzfetischismus ausbreitet, kann man, ohne große statistische Erhebungen anstellen zu müssen, erkennen, daß vornehmlich ein Gefühl sich bei jedem Einzelwesen einnistet und für ihn ausschlag- gebend wird, jenes, sich nutzlos, austauschbar und überflüssig zu fühlen. Ich wage zu behaupten, daß die Erkundung der Ursachen für diese Überflüssigwerdung des Menschen und deren Auswirkungen zu den wichtigsten philosophischen Fragen der Gegenwart gehören. Um die Zusammenhänge von Egoismus und der damit verbundenen Auflösung von Individualität und Solidarität aufzeigen zu können, scheint es mir geboten, dem immanenten Gefühl und der Tatsache der Überflüssigkeit des Ein- zelnen nachzugehen. Zugleich gebe ich zu und will es auch gar nicht verschweigen, daß ich von einem Standpunkt aus rede, dem des Humanisten, dem der Mensch alles ist, also Zweck, und die Ökonomie nichts, denn nur Mittel sein kann.
Und als Humanist muß man beim gegenwärtigen Zustand der Demokratien wohl oder übel ein Antidemokrat und Gegner der Marktwirtschaft sein. Denn augenscheinlich, liegt allein in solch bewußter Gegenhaltung die Möglichkeit seine eigene Würde und jene der Mitbürger noch zu wahren. Mit etwas Pathos und beinahe übermenschlichem Vertrauen in das Streben der Gemeinschaft nach Gerechtigkeit, gegenseitiger Anerkennung und Anstand im Umgang miteinander steht im Grundgesetz geschrieben: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."
Allenthalben müssen wir schon seit einiger Zeit lernen, daß die Würde des Menschen durchaus antastbar ist. Nicht vornweg durch jene Wirrköpfe, die Bomben zünden. Sie übernehmen nur die lodernden Fackeln von den machtpolitisch Denkenden oder von Religions- und Kulturfeindschaft säenden Fanatikern und Intellektuellen, welche ausgiebig zuvor mit brennenden Worten das Feuer entzündeten. Dergleichen ist zu offensichtlich und kommt zu plump daher.
Nein, die tatsächliche Entwürdigung des Menschen unserer Epoche, so fürchte ich, ist inzwischen ein alltäglicher, schleichender Prozeß, getarnt durch den biederen Umhang des Rechts, sowie einer Schein-Demokratie. Wir sind Opfer und Förderer einer Entwicklung ohne Sinn, Zweck und Verstand, aber mit einem Ziel. Und das heißt Effizienz. Man kann es ruhig banal ausdrücken, indem man dem Ergebnis dieser Effizienz einen konkreten Namen gibt: Sein Name ist Geld. Unser gesamtes Tun ist auf die unentwegte Anhäufung desselben gerichtet, wobei es längst nicht mehr in metallischer oder papierener Form handgreiflich sein muß, es genügt eine Zahl auf Kontoauszügen. Nichts Gegenständliches wird mehr bewegt, nur unendliche Zahlen- kolonnen werden hin und her geschoben.
Aber sage ich damit etwas Neues? Um Geld ging es doch wohl schon immer in der Menschheitsgeschichte. Doch indem wir dabei sind weltweit dem Fetisch unserer euroamerikanischen Zivilisation, dem Geld, sämtliches zu unterwerfen verlieren wir jegliches Maß und kennen keinen weiteren Zweck mehr als die endlose Gewinnmaxi- mierung. Bei unseren Eroberungen verzichten wir weitgehend auf Soldaten, kostspie- lige Materialschlachten, blutige Kriege. Unsere Waffe ist das Geld, der Reichtum den wir zum Teil erarbeitet, doch oft genug auch geraubt, erpreßt haben. Dieses Geld öffnet uns Türen, und wenn man uns vorn nicht herein läßt oder wieder hinauswirft, so verschaffen wir uns Einlaß über die häufig schmutzige Hintertreppe. All dies vollführt zu unserem Nutzen, unseres unstillbaren, zwanghaften Glaubens an die Notwendigkeit des Wachstums und natürlich des Wirtschaftsstandortes wegen.
Aber was geschieht denn um uns herum? Wie stellen sich die Menschen als Beteiligte dazu? Ich antworte: Wir erleben die größte wissenschaftlich-technische Revolution die jemals in der Menschheitsgeschichte vonstatten ging und welche fatalerweise mit der umfassendsten seelischen und geistigen Orientierungslosigkeit, sowie einer lähmenden gesellschaftspolitischen Desillusionierung einhergeht. In diese klaffende Wunde stoßen seit einigen Jahren die Lobredner der Globalisierung. Ihr Reden und Beschwören ist Predigen, denn sie verkünden uns, daß sie im Besitz der wahren Erkenntnis seien, daß nämlich ein Weltmarkt bestehe auf dem knallharte Konkurrenz herrscht und wo nur die Wirtschaft überlebt, welche am schnellsten und vor allem am billigsten produziert. Der Tanz um das goldene Kalb Wirtschaft ist das einzige was zählt. Wer sich traut dieses ganze Treiben und Gerede zu hinterfragen, wird als Störenfried, Gestriger, Langweiler wohlmöglich als Philosoph oder schlimmer gar als Künstler entlarvt.
Globalisierung ist der Schlachtruf der Neoliberalen in allen Sphären. Inzwischen reden selbst Geister, die berechtigt oder unberechtigt, jedenfalls selbstbewußt das Adjektiv kritisch beanspruchen, von den Notwendigkeiten des Marktes. Wohl, wohl, hören wir alle diese Floskeln und bei ständiger Wiederholung keimt in mir die Frage von Mal zu Mal stärker, wer ist eigentlich dieser Herr oder vielleicht Frau Markt? Eine personifizierte Gestalt? Eine Vorstellung? Eine Idee? In den Zeitungen ist zu lesen: Der Markt läßt keine höheren Preise zu. Der Markt verlangt höhere Flexibilität der Arbeitnehmer. Der Markt reguliert sich selbst. Offenbar ist dieser Markt eine Allmacht, dem beinahe Kultstatus zugesprochen und welchem fast mystische Ver- ehrung entgegengebracht wird. Doch der vermeintliche Gott ist leicht entzaubert, denn der Markt ist ein Produkt des Menschen auf dem er Ware gegen Geld tauscht.
Wahrhaftig, mehr nicht! Selbstverständlich entströmen berufenen Mündern unentwegt weißer Dunst, der in seiner Masse zu Nebelschwaden wird, deren Sinn es ist, uns, den Laien, phantastische Bilder vor Augen zu führen die zeigen sollen, daß der Markt ein höchst kompliziertes Gebilde ist. Das Einfache kompliziert zu reden hat im Laufe der Geschichte seine Bewährungsprobe allemal bestanden. Die Methode ist alt, allerdings gern gebraucht. Es hilft nichts, hinter dem Nebel offenbart sich kein großes Geheimnis. Man stellt nur fest, daß es kein Geheimnis gibt. Denn der Markt sind Wir. Wir Menschen mit unseren Bedürfnissen, Wünschen und finanziellen Möglichkeiten. Und einige, oder manche oder viele die zu dem Wir gehören, möchten, daß der Markt sich ungehemmt frei entfalten kann. Die vorderste Frage hierzu sollte nicht lauten: Was bringt es uns? sondern sie muß heißen: Was ist das Wichtigste, worum geht es zuerst, um den Menschen oder den Markt?
Die Neoliberalisten fordern, daß der Mensch sich an jedem Ort, zu jeder Zeit den Erfordernissen des Marktes anpassen müsse. Nicht die Wünsche oder das Verlangen der Menschen entscheiden über Freizeit oder Arbeitszeit, als vielmehr die Maschinenlaufzeiten, und diese sollen möglichst vierundzwanzig Stunden an sieben Tagen in der Woche währen. Heutzutage gilt der Mensch nichts für die Wahl des Standortes einer Fabrik. Vorbildliche Standortkriterien sind geringe, am besten gar keine Steuern, viele zusätzliche Subventionen und, keinen wundert es mehr, anspruchslose, preiswerte Arbeitskräfte. Dank der Automatisierung müssen es davon nicht mal viele sein. Das Heer der Vielen, welches übrig bleibt, aus dem man notfalls immer erneut willige und billige Arbeitskräfte rekrutieren kann, darf nicht in Unruhe verfallen oder womög- lich in Aufruhr geraten. Hier bedarf es der politischen Chirurgen, die mit Gesetz und repressivem Staatsapparat harte, schmerzhafte Schnitte führen und erforderlichenfalls auch ohne Narkose operieren.
Und, welch Glück, diese politischen Operateure sind zur Stelle. Dieselben Leute, denen im Bereich der Wirtschaft jede staatliche, gesetzliche Regulierung ein Greuel ist und den Markt ausschließlich dem freien Spiel der Kräfte überlassen wollen, stutzen und beschneiden ungeniert Freiheits- und Bürgerrechte. Hier wird etwas ganz entfernt, dort ein großes Stück abgehauen. Fort mit der Unverletzlichkeit der Wohnung, denn auch Verbrecher der organisierten Kriminalität leben in Wohnungen. Ein Teil des Demonstrationsrechtes gekürzt, weil auch Links- oder Rechtsextreme demonstrieren. Beschneidung der Arbeits- und Sozialhilfe, es wird sowieso reichlich Mißbrauch getrieben. Abgleichen der persönlichen Daten verschiedenster Behörden untereinander, wer könnte dagegen etwas einwenden. Oder hat jemand etwas zu verbergen? Das Ergebnis: Der Patient siecht, aber effizient.
Begreifen wir worauf das hinausläuft? Wahrscheinlich werden wir auf die Art und Weise im Globalisierungskampfe vortrefflich bestehen können. Solcher rigoros ge- handhabten Effizienz wegen - und ich erdenke hier keine Horrorvision, es ist einfach die logische Konsequenz des Weges, den wir beschreiten - werden wir Freiheit, Kultur und Demokratie aufgeben. Denn Freiheit, Kultur und Demokratie beginnen dort, wo das Trachten nach blanker, sich rasch amortisierender Effizienz aufhört. Diese blinde Effizienzwut ist nämlich eine kurzatmige Angelegenheit, gerichtet schlichtweg auf sofortigen Erfolg. Längerfristiges Denken und vorausschauendes Handeln scheuen dergleichen Erneuerer. Sie möchten die Früchte ihres Tuns hier und sofort genießen. Sie wollen uns fit machen für den Weltmarkt! Schon diese instinktlose Sprache! Als ob die Welt ein globales Fitness-Center ist in dem nur die Schönen und Gesunden bleiben dürfen. Genau das ist jedoch gemeint. Sie sprechen es nicht aus, noch nicht; daß die Alten, Kranken, sprich die Erwerbs- und Arbeitsunfähigen, Abfall, unnötiger Ballast sind. Aber gerade Freiheit, Kultur und Demokratie bilden den Schutzwall für jene erwerbs- und arbeitsunfähigen Menschen. Und deshalb sind Freiheit, Kultur und Demokratie keine Verschwendung, trotz ihres verschwenderischen Gebrauchs an Zeit und Energie. Sie erfordern vielmehr den Willen zu kontinuierlicher, ausdauernder Investition und zeitintensiver Kreativität, deren Ergebnisse sich nicht augenblicklich zeigen oder gar auszahlen. Wofür wir jetzt zur Wahrung und Erweiterung der Freiheit, zur Schaffung von Kultur und in die Ausgestaltung demokratischer Möglichkeiten den Boden bereiten, werden manches unsere Kinder oder Enkel, vielleicht erst die Urenkel ernten.
Spätestens hier schallt es mir entgegen, das Lachen der Geistfeindlichen, der Freiheits- verächter nebst den Autoritätsgläubigen und den Helden des Augenblicks. Jene leben nach dem Grundsatz, den wir Humanisten zu akzeptieren einfach nicht bereit sind: Nach uns die Sintflut! Verantwortung gegenüber unseren Kindern, Enkeln, Urenkeln ist ihnen schnuppe, sie wollen heute ihren Spaß, ihr Geld verdienen, ungezügelt Luxus genießen. In solchem Dunstkreis wächst eine Generation heran, die nicht mal an die Zukunft ihres eigenen Lebens glaubt, geschweige an das irgendwelcher Nachkommen. Einst schauten ältere Generationen mit einer Spur Neid auf die Jugend, die das Leben noch vor sich hatte. Scheinbar macht die Verkehrtheit des modernen Daseins auch hiervor nicht halt. Überall alte Menschen die dankbar ihr Alter annehmen, Jugendliche, denen der Gedanke an die Zukunft kalte Schauer über den Rücken jagt. Bei der Konstellation wird der Mensch zum noch unberechenbareren Faktor, als er es ohnehin bereits ist. Sämtliche wissenschaftlich-technischen Fortschritte unserer Zivilisationsentwicklung erfolgten mit bewußter Absicht der Befreiung des Menschen von monotoner Arbeit. Unserem höchsten Ziele, den Menschen bei der Produktion entbehrlich zu machen, sind wir endlich ganz nahe. So verliert der Mensch in den Augen der Effizientisten seine letzte Funktion und verbunden ist diese Überflüssigkeit mit dem Verlust seiner Einzigartigkeit.
Ohnehin ist der Mensch eine Spezies grenzenloser Fortpflanzungsfähigkeit, unhab- hängig von Jahreszeit oder anderen besonderen natürlichen Bedingungen, denen manch andere Arten gewissermaßen als Regulativ unterworfen sind. Auch diese Gabe verfälschte der Mensch in seinem Wahn von Allmacht zum: Seid fruchtbar und mehret Euch, damit Ihr Euch die Erde untertan macht. Weithin ist die Zunahme des Menschen auf der Erde ungebrochen. Weil es ohne Sinn und Verstand geschieht wuchert die Übervölkerung wie ein Krebsgeschwür, trotz Massenmorde, Kriege und totalitärer Gewaltverbrechen an Millionen. Oder gerade deshalb?
Was derart "herstellbar" ist, verliert an Wert, wird ersetzbar, beliebig. In all dem Morden, Kriegen und Völkervernichtungen ist es nicht ganz einfach, den Gedanken der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit des Einzelnen aufrecht zu erhalten. Und dennoch gilt allgemein das Prinzip der Einmaligkeit jedes Menschen. Allmählich jedoch geht selbst dieses formale Wissen verloren. Inzwischen streben Wissen- schaftler die wiederholbare Reproduktion menschlichen Lebens an, wie ein beliebiges materielles Gut. Er soll nach Vorgaben herstellbar sein. Selbst als unverwechselbares, aber zufälliges Einzelwesen soll der Mensch überflüssig werden. Der Drang des Menschen nach Sicherheit, Gewißheit und dem Willen aus dem Schatten der Natur treten zu können giert nach Erfüllung. Er selbst will nun der Natur ins Handwerk pfuschen, Schöpfer spielen und nichts mehr dem Zufall überlassen. Erst recht nicht die eigene Erschaffung. Mit seinem Wollen sich selbst zu erschaffen, sprengt der Mensch scheinbar seine letzten Ketten und erzeugt zugleich seine eigene Überflüssigkeit, seine Bedeutungslosigkeit und zugute Letzt seine austauschbare Beliebigkeit. „bi solitudinem faciunt, pacem appellant.“ - „Wo sie Einöde schaffen, nennen sie diese Frieden.“
1.
Vom Mensch im Überfluß zum überflüssigen Menschen
Welchem etymologischen Ursprung entstammt das Wort Überfluß? Im mittelhochdeutschen Sprachschatz bedeutet der Begriff „Überfluz" große Fülle, Reichlichkeit und steht damit vom Sinn her in enger Beziehung zu dem lateinischen Begriff „abundantia", was soviel wie übergroße Fülle, reicher Ertrag heißt. „Überfluz" diente somit der Beschreibung eines sinnlich konkreten Tatbestandes, nämlich daß ich von einem Gut, vorwiegend materieller Art, eine ausreichende Menge besitze, mehr als ich selbst verbrauchen kann. Während der Sprachentwicklung setzte seit dem 16. Jahrhundert zunehmend eine inhaltliche Verschiebung ein, in dem das Wort den alleinigen Bezug zum faßbaren Gegenstand verläßt und zunehmend bildlich verwendet wird. Allerdings noch immer dahingehend verstanden, daß von etwas reichlich vorhanden ist, man etwas übrig hat, was man verwenden, ansparen kann und seinen Zweck erfüllt. Erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts bekommt die bildliche Übertragung des Wortes "überflüssig" die erweiterte Bedeutung von nutzlos und zwecklos.
Nicht zufällig vollzieht sich diese Bedeutungsverschiebung des Wortes nahezu parallel zu dem gesteigerten Produktionsvermögen der europäischen Wirtschaften. Mit der Ausbreitung des Manufakturwesens und der einsetzenden Industrialisierung können größere Stückzahlen an Gütern und Waren produziert werden. Lange Zeit noch kommt der Güterüberfluß nur den oberen Schichten der Bevölkerung zugute, doch eben diese Bevölkerungsschichten, wie der Adel und das aufstrebende Bürgertum, bestimmen die Sprache, formen sie und geben alten Wörtern durch geänderte Lebensumstände bedingt neue Inhalte. Allmählich mit der Industrialisierung, der Massenproduktion und dem daraus hervorgehenden Massenkonsum drang das Wort über- flüssig in seiner Bedeutung von nutzlos, zwecklos in die Alltagssprache ein.
Die meisten Gesellschaften der nördlichen Hemisphäre sind am Anfang des 21. Jahrhunderts Überflußgesellschaften. Es war der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith, der den Begriff „affluent society" prägte. Galbraith charakterisierte mit der inhaltlichen Bestimmung des Begriffes sehr deutlich die strukturelle Abkehr unseres Wirtschaftens vom Menschen fort hin zum Produkt. Weniger die Erfüllung von materiellen Bedürfnissen der Menschen nach bestimmten Produkten ist das primäre Ziel der Wirtschaftsform, sondern die ständige künstliche Schaffung neuer Bedürfnisse durch permanente Werbung.
Der Alltagsmensch bringt für gewöhnlich den Begriff Überfluß in Verbindung mit einem überreichen Warenangebot. Doch hauptsächlich bezeichnet es nach Galbraith, das stetige Kaufen und Verbrauchen zumeist völlig überflüssiger, nutzloser Waren. In dem unendlichen, täglichen Gebrauch von im Grunde nicht erforderlichen, überflüs- sigen Gegenständen verschwindet zunehmend der eigenständige Mensch. Er wird zum Konsumenten, umgeben von anderen gleichbestimmten Konsumenten. Deren gemeinsamer Lebensinhalt ist das Kaufen und Konsumieren und Kaufen. Voraussetzung hierfür ist groteskerweise, daß der Konsument, trotz der ihn umgebenden Warenfülle ein beständiges Gefühl von Mangel an materiellen Dingen empfindet. Der Konsument darf nie zur Ruhe kommen. Ein bescheidener, zufriedener Mensch ist der Tod des Wirtschaftssystems. Tatsächlich ist dabei der Mensch als menschliches Wesen total unwesentlich. Seine Funktion ist es Kunde zu sein, der nicht einmal im Konsum Identität findet, denn alle Waren sind Massenwaren, beliebig für jedermann erreich- bar. In dem ganzen Überfluß ist der Mensch auch überflüssig, denn er ist in diesem Wirtschaftsspiel nur noch Mittel, wohlgemerkt zugleich in der Rolle des Konsumenten wie auch in derjenigen des Verkäufers. Als Konsument soll er kaufen. Ob er die Ware wirklich konsumiert ist zweitrangig; er kann sie auch ungenutzt wegwerfen, sie einfach liegenlassen, es ist gleichgültig. Nur eines ist bedeutsam und wichtig, daß auf jedem Fall jenem erfüllten Bedürfnis viele unerfüllte Bedürfnisse auf dem Fuße folgen sollen, wodurch er erneut zum kaufen animiert wird. Ähnlich ergeht es dem Verkäufer. Ihm ist der einzelne Kunde und die Ware als solche allemal egal. Worauf es ankommt ist der Verkauf und die Einnahme von Geld. Was er wiederum mit dem verdienten Geld macht ist letztlich sekundär. In der Regel gibt er wiederum das Geld als Kunde aus.
Im Rahmen dieses Wirtschaftskreislaufes sind ausschließlich die Dinge, Waren oder das Geld, zum Zweck geworden. Der Mensch in seiner Substanz als identifizierbares Einzelwesen ist schlicht überflüssig. Zurück bleibt ein beliebig auswechselbarer Kunde, Käufer, Konsument, welcher innerlich und äußerlich, eingebettet in materiellem Überfluß, in einer seelischen und kulturellen Einöde lebt.
2.
Über die Identität des Menschen
In dieser Einöde verhallen die Klänge der Literatur, bildenden Kunst, Theater oder Musik fast ungehört. Nicht die Romane, Essays, wissenschaftlichen Abhandlungen, Bilder und darstellende Aufführungen werden vom großen Publikum als Spiegelungen der gesellschaftlichen Zustände wahrgenommen. Der Zeitgeist der Moderne hat eine neuartige, ihm äquivalente Ausdrucksform erschaffen, welche in ihrer Allgegenwärtigkeit jede bis dahin bekannte Form der Kunst bezüglich Breitenwirkung weit hinter sich läßt - die Werbung. Allein die bildende Kunst erkannte im Laufe der Zeit die Funktion und Wirkung der Werbung. Vielleicht liegt hierin die Genialität Andy Warhols, wie er den inneren Zustand moderner Gesellschaften intuitiv erfühlend, diesen in seinen Werken zeigt, den die Werbung aufwendig und geschickt verdeckt und dennoch so aufdeckt, nämlich daß es keine Inhalte mehr gibt, sondern nur noch eindimensionale Botschaften. Einer dieser einfachen Werbeslogans für ein Produkt lautete einmal schlicht und ergreifend: „Kauf mich!" In diesen zwei Worten offenbart sich unser Zeitalter in geradezu bestechender Prägnanz. Alles ist käuflich und es soll gekauft werden.
Damit das erstere so reibungslos möglich wird wie das zweite notwendig ist, bedarf es keiner kritischen, selbstbewußten, in einem stabilisierenden Sozialgeflecht eingebundenen Menschen, auch wenn dies die Werbung täuschend vorgaukelt. Man errät, welche Geschöpfe dieses System bedarf. Das des identitätslosen, genußsüchtigen, dem oberflächlichem Individualismus huldigenden Einzelgängers, bar jeglicher Bindungen, nur auf der Suche nach neuen Reizen und schnellen Befriedigungen; fern, unendlich fern auch nur des leisesten Gedankens an Verzicht oder vielleicht Beschränkung. Und natürlich muß er Geld besitzen, immer bereit es ausgeben zu wollen. Weil, kein Wesen ist diesem Wirtschaftssystem suspekter, als der mittellose, bonitätsschwache und kreditunwürdige Zeitgenosse.
Ungeachtet ihrer Bedeutung ist die Werbung jedoch nur ein dekoratives Abbild un- serer ziellos auf krummen Pfaden taumelnden Zivilisation. Beständiger Wandel und Veränderung, das Erfahren- und Erlernenmüssen, daß nur Ungewißheit die einzige Gewißheit ist zeichnet unsere egoistische sich rascher entsolidarisierende Gesell- schaft. In all dem Auf und Ab vergangener politischer, wirtschaftlicher und kultureller Umbrüche, den Kriegen, Revolutionen, Gewaltherrschaften verlor der Mensch seine Identität. Er mußte sie auf diesem langen Wege verlieren, denn sie zu behalten konnte lebensgefährlich sein. Gestern noch hoch gelobtes Verhalten, ward morgen schon zum Verrat gestempelt. Ideologien und ihre dazugehörigen Herrscher währten häufig nicht lang und währten sie, wechselten umso öfter der Herrscher Ansichten und Stimmungen. Hunderttausende, Millionen die ihre Identität nicht aufgeben wollten be- zahlten ihre Aufrichtigkeit mit Verfolgung, Gefangenschaft, ja dem Leben. Deren Schicksal vor Augen zog die Allgemeinheit ihre Lehren und lernte aus nüchternem Selbsterhaltungstrieb die Identität und wirkliche Individualität als unnötig und gar schädlich zu begreifen.
In der Moderne, was jedenfalls die westliche Zivilisation betrifft, zieht gelebte Identität nicht mehr Verbannung, Haft nach sich. Der verbissen an ihr Festhaltende muß keine Folter, keinen gewaltsamen Tod befürchten. Auch hier regiert zwar sanft doch desto wirksamer der Markt, indem er uns die Identität abkauft.
Sehe ich wieder schwarz und damit nicht die bei Lichte zu betrachtende Wirklichkeit? Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Identität sprechen? Besaß die breite Masse jemals eine Identität? Schon Preußenkönig Friedrich II. meinte vor zweihundert Jahren, er sei es reichlich müde weiter Sklaven zu regieren. Töricht wäre es anzunehmen der moderne Mensch besäße ein geradlinigeres, aufrichtigeres Selbst, sei klüger, informierter nur wegen des Umstandes, weil er effizientere Maschinen bauen kann. Der Fall dürfte auf solche Art kaum erklärbar werden, denn anders als zahlreiche vorhergehende Generationen gibt der moderne Mensch, ohne daß ein gewaltsamer Zwang besteht, seine Identität auf. Warum? Ich verschiebe vorerst die Antwort, sie soll weiter unten erfolgen und komme zurück auf die Frage: Was ist Identität?
Bezüglich des Zweckes dieser Schrift sei die Begriffsbestimmung beschränkt auf das Psychologische und den Gesichtspunkt der Realität. Psychologisch versteht man unter Identität, das sich Gleich-Bleiben des Bewußtseins als einheitliches Ganzes in seiner Stetigkeit. Hierzu bildet die menschliche Erinnerungsfähigkeit eine unabdingbare Grundlage, wodurch sich ein Identitätsbewußtsein erst entwickeln kann, sich während des Lebens aufbaut und erhält. Folgend aus solchen psychologischen Gegebenheiten erschließt sich für den Menschen in der alltäglichen Realität, ungeachtet wandelnder Zustände und Verläufe im Bereich der äußeren Welt, sein Selbst als beständiges Ich. Jenes Ich erlebt und empfindet sich in einer Kontinuität von eigener Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Und ohne Identität entsteht keine Individualität. Will man jedoch die hohe Wertigkeit der Identität für den Menschen recht erfassen, muß es eine Erklärung geben, wie der Mensch Identität erwirbt.
Meine These Über Herausbildung und Ausprägung von Identität (wobei ich des Menschen genetische Substanz, welche sicherlich ihren Anteil hat, hier außen vor lasse) lautet: Bildung, Bildung, Bildung. Wiederum stehen wir erneut vor einem Erklärungsproblem, denn für den Menschen von heute gibt es, nach einem Jahrhundert bewußter Umdeutung, Verfälschung und dem Mißbrauches der Sprache, keine verläßliche Gewißheit über einen allgemeinen Konsens hinsichtlich der substantiellen, inhaltlichen Bedeutung von Worten. Solch flacher Geist, welcher erst die Worte annektiert um letztlich die Definitionsmacht zu erlangen, bemächtigte sich auch der Bildung. Aus Bildung im ursprünglichen Sinne wurde plattes Aneignen schematischen Formalwissens. Allein Wissen ist nicht Bildung, denn Wissen ohne Bildung ist denkbar, niemals jedoch Bildung ohne Wissen. Daß viele Menschen meinen studierte Leute können nicht dumm sein, ist ein Resultat dieses Irrglaubens. Studierte, Intel- lektuelle priesen einst den Krieg, sprachen von Rassenhygiene und reden jetzt von Euthanasie unwerten Lebens. Man versteht das nicht? Viel zu wissen erfordert keine Bildung. Bildung des Menschen verlangt, dem eigenen Selbst Gestalt und Wesen geben, jenes in meinem Ich enthaltene Menschenbild h e r a u s b i l d e n. Sich zu bilden schafft Identität. Bildung umfaßt viel, viel mehr als Wissen. Es ist die Ganzheit von Gefühl, Wollen, "humanus", "humanissimus", wie es die Römer nannten, von Körper, Geist, Denken und Trachten. Ein gebildeter Mensch besitzt Identität. Bildung nebst Identität zu erwerben ist mit harter Arbeit an sich selbst verbunden.
Hier sind wir nun bei der Antwort auf die Frage, warum der moderne Mensch ohne Zwang und freiwillig dem Willen zur Identität entsagt. Es kostet Anstrengung, erfordert endloses Bemühen. Ernsthaftes Bemühen ist allerdings keine Tugend mehr. Jegliches und alles soll anstrengungslos leicht einem in den Schoß fallen. Wenig Aufwand, viel Erfolg! Auch hier die Auswüchse unseres krankhaften Effizienzdenkens. Man muß sich durchaus jene anhören, die nicht unbegründet behaupten täglich das Ohr dicht an Volkes Mund zu haben. Ein ehemaliger Bildzeitungschefredakteur beschrieb sinngemäß Funktion und Machart seines Blattes wie folgt: Die Leute wollen heutzutage alles wissen, aber nichts mehr lernen. Und wir wollen ihnen dabei behilflich sein. Wie soll aufgrund solcher Einstellung je Identität erwachsen?
Werde ich zu aufkläreriscc? Zu elitär? Wo bitteschön bleibt ein anerkennender Satz über den unaufhaltsamen Siegeszug des Individualismus? Individualisierung der Gesellschaft, fast grenzenlose persönliche Freiheit, zunehmende Kommunikation durch die neuen Medien schallt es aus allen Ecken und Enden der von gutgläubigen Optimisten fest im Griff befindlichen veröffentlichten Meinung. Nun bin ich, vorsorglich sei es bereits jetzt eingestreut, keineswegs ein Helfer der Zunft vom Leben enttäuschter Pessimisten, willig Kohlen zu schaufeln in die Öfen ihrer ratternden, klappernden Maschinen, mit beschwingt, gut geschmierten rückwärts drehenden Rädern, aus deren Ventilen neben dem ewig gleichem monotonen Pfeifton schwarzer, verdüsternder Dampf entweicht. Das Gestern halten sie für besser, obwohl es nur anders war und für die Mehrheit materiell unbestreitbar schlechter.
Dennoch wieder ein ablehnendes Wort, nicht gegen die propagierte Freiheit, ohnehin täuschend verführerische Aufschrift einer Packung in der gerade mal einige Freiheiten stecken; vielmehr zum Individualismus und was die Moderne daraus gemacht. Unter Individualismus verstanden Philosophen unterschiedlichster Richtungen, ob Sokrates oder die Sophisten, ob ein Kyniker wie Diogenes von Sinope bis hin zu Spinoza, ob Hume oder Kant einen vornehmlich ethisch bestimmten Wert, bei dem das Indivi- duum als Objekt des Handelns und das eigene Selbst wie das fremde Ich als Selbstzweck betrachtet wird. Individualismus galt als höchstes erstrebbares Ziel, der einzige Inhalt des eigentlichen Wesens von Individualismus den die Neuzeit noch gelten läßt. Ansonsten hat die Moderne die Idee des Individualismus gründlich entschärft und platt gemacht und das bevor die Idee gesellschaftlich wirksam wurde. Individualität ist, da sie zur billigen Vokabel der Massen herabstieg, zur Ware für die Masse geworden. Individualität kann heute angeblich jeder am Ramschtisch kaufen; sie ist beliebig, weil sie Ware ist. Jeder kann sich individuell kleiden und doch tragen alle das gleiche. Jeder kann individuell wohnen und doch stehen bei allen die gleichen Möbel. Jeder kann individuell reisen und seine Freizeit verbringen und doch begegnen sie sich alle an den gleichen Orten wieder und gehen den gleichen Freizeitbeschäftigungen nach. Jeder kann individuell leben und doch jagen sie alle gleich nach Besitz und Vermögen, wodurch ihr Leben eher einer Hatz ähnelt bei der ein jeder bedacht ist dem anderen das Wild abzujagen. Und solche Sterilität wird unverfroren als Individualismus in die Hirne der Leute gehämmert, damit die Masse zahme, brave, dumme Horde bleibt, die stumpfen Konformismus für Individualismus hält.
Ist das Mensch-Sein? Manipuliert und selbstverschuldet zugleich, wird Mensch in seiner Entwicklung und Gestaltung eigener Identität verunmöglicht. Abgespeist mit einem lächerlich entstellten Individualismus, weshalb selbiger vor allem daherkommt in Glanz und Glamour, so betäubend den Geist, verführend die Sinne. Auf diesem Wege abwärts, entfremdet seinem Wesen, seiner Natur, leblosen Gegenständen ver- fallen, sklavenhaft von der materiellen Gier angesteckt, gelangen mehr und mehr Menschen an ihren tiefsten Punkt, wo sie ihrer vermeintlich letzten Funktion entledigt sind: Der Arbeit, die er identitätslos, ohne wirkliche Individualität verrichtet. Ist er arbeitslos versinkt er in Trostlosigkeit. Doch in beidem erblickt sich der postmoderne Mensch im Raum der ungeheuerlichen Leere. Ohne Erwerbsarbeit jedoch ist er noch zusätzlich entfesselt von allem, wird er nun zum entfesselten Wesen. Wozu ist er jetzt noch nütze, außer wieder Barbar zu werden?
3.
Vom nutzlosen Menschen
Beharrlich lehnt die Philosophie seit ihren frühesten Tagen das Ansinnen ab, sich mit den direkten Erwerbsbedingungen des schnöden Mammon zu beschäftigen. Dieses leicht erkennbare Indiz mag die neoliberalen Wirtschaftstheoretiker, Globalisten als auch manch Ideologen frohlocken lassen. Es sei ihnen gegönnt! Ein Triumph noch hinzu, denn meinerseits gilt es ein Geständnis zu machen. Ich habe keinerlei Ahnung von Wirtschaft. Ihre spezielle Begrifflichkeit, ihr jonglieren mit Rentabilität, Maximin-Regel, Indifferenzkurven, Angebotsoligopol sind mir ein Buch mit sieben Siegeln. Diese wirre Aneinanderreihung entlarvt mich wahrscheinlich sofort für jeden Fachmann als hoffnungslosen Laien. Ich widerspreche nicht; füge allenthalben in Anlehnung an Perikles‘ Beschreibung der Demokratie auf die Wirtschaft bezogen hinzu: Und obgleich nur wenige eine wirtschaftliche Konzeption entwerfen und durchführen können, so sind wir doch alle fähig, sie zu beurteilen ... und zu hinterfragen. Besehen im Verhältnis zum Menschen, muß ein Wirtschaftssystem auf den Prüfstand, das ungeahnte Produktivkräfte zur Entfaltung bringt, schnell, flexibel neue Waren bereitstellt, dem eine Überfülle an Warensorten wie Warenmengen eigen ist und ungeachtet dessen weltweit über die Hälfte der Menschheit in Armut und somit entrechtet, nicht selbstbestimmt leben läßt. Diese Folgen sehen, erleben, erfahren wir alle ja täglich. Folgen deren Grausamkeit bislang beschränkt waren auf den Wilden in den Hütten Afrikas, auf das schmuddlige Straßenkind der südamerikanischen Slums, also fernab von uns und nicht beleidigend unsere Prunk verwöhnten Augen.
Inzwischen blickt uns die Armut direkter, herausfordernder ins Angesicht. Bricht häufiger denn je in unseren Landen, auf unserem reichen Kontinent an den Rändern unter dem guten Teppich hervor. Sie kriecht aus ihren Schlupfwinkeln, wohin wir sie still sorgsam verbannt; quillt zersetzend schwammverwandt aus den kleinen und größeren Ritzen der allmählich bröckelnden Glitzerfassaden des europäischen Hauses; gewinnt unübersehbare Breite, erobert Einkaufszentren, Fußgängerpassagen, komplette Straßenzüge und Stadtteile. Der Armut Eroberungszüge vollziehen sich noch leise, noch verschämt. Aber ihr Griff ist zu spüren, ihr verschwommenes Gesicht deutlicher geworden. Gewiß, hier walten nicht Dritte-Welt-Zustände, wo Hunger- leichen die Straßenränder säumen, millionenfach Krankheit, Elend, Tod grassiert. Nein! Es ist mehr oder weniger erträglich bezahlte Nutzlosigkeit, welche den Einzug hält. Der Nutzlose, ein am Leben erhaltener Ausschuß ohne Gebrauchswert. Spä- testens in dem Augenblick, da ihm eröffnet wird, daß man ihn als arbeitendes, produzierendes Geschöpf, sowie sein Wissen, seine Erfahrung nicht weiter bedarf, die er- worbenen Qualifikationen wertlos sind erkennt der Mensch auf welche Stufe er herabgesunken ist, auf die Stufe einer Ware. Beliebig austauschbar dem Auto, dem Kühlschrank und damit jedem ersetzbaren Gebrauchsgut gleichgestellt.
Worauf ist dies zurückzuführen? Unser technologischer Fortschritt ist Auslöser dieser Entwicklung, jedoch nicht Ursache des Werteverfalls der Spezies Mensch. Wird man diesen Unterschied begreifen? Ungeheuere Kapazitäten an Produktivkräften setzt die Computerisierung frei. Immer weniger Menschen können immer mehr produzieren, erschaffen maßlosen Überfluß. Fabriken in denen einige Angestellte gewaltige Maschinenparks nur überwachen und die permanente Produktion sicherstellen, sind aus dem Bereich reiner Wunschvorstellungen herausgetreten und faßbare Realität geworden. Maschinen ersetzen menschliche Werkfertigkeiten in grandioser Vollkommenheit. Nicht der willigste Beschäftigte vermag so präzise, ausdauernd, ständig einsatz- bereit, aber auch so klaglos, billig zu arbeiten. Maschinen müssen keine Familien ernähren, nicht ausspannen, sind anspruchslos und nie seelischen oder körperlichen Schwankungen unterworfen. Niemand kann unter diesem Gesichtspunkt überflüssiger sein als das Produktivitätssteigerungshemmnis Mensch. Permanent hören wir täglich von der Notwendigkeit der Rationalisierung der Produktion. Wieder grüßt der Markt.
Da müssen zwangsläufig die Menschen weichen. Unternehmen sind keine Sozialeinrichtungen. Hunderttausende treten so den Gang ins Aus an, werden abgeschoben und das Ganze nennt man auf der Grundlage unseres Neusprech Freisetzung. Endlich, ruft man ihnen hinterdrein, seid ihr frei! Könnt euch fit machen für den Markt. Initiative ergreifen, in die Selbständigkeit aufbrechen. Nur, dieses Können ist ein Schein, denn was formal betrachtet potenzielle Möglichkeiten sind, ist für den Einzelnen noch lange nicht machbar. Die meisten Arbeitslosen empfinden ihre Lage auch nicht als chancenreich, sondern fühlen sich ausgestoßen, nutzlos, gebraucht und weggeworfen.
Mit diesem Ballast auf der Seele versinken sie in Selbstzweifel, Lethargie und sehen einem zwecklosen Leben entgegen. Seitens der Maschinenbesitzer und Führungsmanager ist ihr Dasein allerdings nicht zwecklos. Zumindest taugen sie nach unternehmerischem Kalkül als Mittel zum Zweck. Jetzt werden sie zum mißbrauchten Mittel der Drohung, Erpressung gegenüber jenen die noch Arbeit besitzen. Jetzt oder nie gilt es Standards zu senken, Löhne zu kürzen, den Beschäftigten zum billigen, gegängelten Sklaven herabzuwürdigen, welcher der Maschine, den Produktionserfordernissen und der Aktionärsdividende untertan ist. Notfalls verlagert man den Standort ostwärts, wo noch Kinder arbeiten dürfen.
Durch die selbst erzeugte Hochtechnisierung ein für allemal vom ohnehin mickrigen Throne gestoßen, versetzt dem Menschen noch im Fall, der wissenschaftliche Forscherdrang einen gehörigen Tritt. Seine Formel zur Erklärung der menschlichen Natur ist knapper Reduktionismus. Er ist die passende Ergänzung zum Wirtschaftsliberalismus. Was ist der Mensch? Und der wissenschaftliche Reduktionismus erläutert uns: Er ist ein gut vernetztes System. Jenes vielbeschworene Selbst, die Identität ist nichts weiter als eine bestimmte Art Informationen zu verarbeiten. Computerfachleute stutzen sämtliche menschlichen Gehirne auf die Zahlenkombination Null und Eins zusammen. Obendrein bestreiten hier und da schon manche Neuropsychologen grund- sätzlich die Existenz eines Selbst und damit einen festen, unveränderlichen Lebens- kerns. Hieraus folgt also, die erste Personen-Perspektive, unsere subjektive Betrachtungsweise, kann auf die dritte Personen-Perspektive, außen- und wissenschaftliche Perspektive, reduziert werden. Wenn der Mensch kein beständiges Selbst besitzt und sein Gehirn nahe einem gewöhnlichem Karteikasten steht, in dem Informationen gesammelt beziehungsweise von ihm bereitgestellt werden, ist das Kopieren menschlichen Bewußtseins eine banale Angelegenheit. Maschinenbewußtsein ist konstruierbar.
Ich fahre fort. Würdige Utopien sind nach Ansicht einer Mehrheit ausgeträumt, statt dessen soll allein gnadenloser Wettbewerb an allen Orten auf dem Globus wüten. Unter solch selbst erzeugtem Druck ist es eine läppische Frage der Zeitläufte bis man Wirtschaftsliberalismus und wissenschaftlichen Reduktionismus, gleich zwei Scharnieren, nahtlos ineinander fügt. Was ist dann der Mensch? Welch jämmerlicher Anblick dann. Allem Außergewöhnlichem entzaubert, unvollkommen, eine alte, überholte Maschine, seinen eigenen gegenständlichen Schöpfungen kläglich unterlegen. Gut, er steuert Apparaturen, lenkt Roboter und ist dennoch zu ihrem Anhängsel ge- schrumpft
4.
Was aus dem überflüssigen Menschen wird
Politiker aller Parteien, v e r- hört ihr die Signale? Ja mehr noch, sie werden nicht einmal von euch wahrgenommen. Euer Handeln legt Zeugnis ab, daß euch heutiges und zukünftiges Schicksal unzähliger Bürger Europas, Amerikas, Ozeaniens ebenso wenig berührt, wie es jenes der Afrikaner, Südamerikaner, Asiaten seit ehe und je tut. Ihr seid Strategen des hilflosen Taktierens, in eurer Ohnmacht verdammt zum gedankenlosen Sprüche klopfen. Genug! Keine Politikerschelte. Was hat eine Analyse mit Politik zu schaffen? Und was hat Politik mit der modernen Societät zu tun, welche klugerweise unabhängig von politischem Machtstreben, eigene neue Wege erforscht, probiert, begeht. Wenden wir uns lohnenderen Zielen zu!
Ihr Top-Manager aller Länder, ü b e r- hört ihr die Signale? Nicht jene aus den Städten ewigen Elends der vierten und vergessenen Welt, an welches ihr euch gewähnt habt, da sie keine schreckenseinflößende, ernsthafte Gefahr bedeuten, sondern die zuneh- mend grelleren Töne in euren Hochburgen. Dringt das dumpfe Grollen an euer Ohr? Seht ihr dieses aufflammende Gewitterleuchten am Horizont? Erkennt die anschwel- lende Macht, welche still am Werke ist in den Seelen der Überflüssigen, identitätslosen, dem Gedanken des sinnlosen Daseins verfallenen und ohne Arbeit dahinvegetierenden Menschen. Es ist die Macht zerstörerischen Barbarentums, die Bestialisierung sämtlicher Lebensbereiche. Kulturellen Traditionen entfremdet, sein Ich aufgegeben, dem Nächsten feindlich gesinnt bricht sich allgemeine Verrohung gepaart mit Dummheit Bahn. Zugegeben und keine Illusion genährt, ihr Großaktionäre, Besitzenden könnt damit leben, weit ab in Villenvierteln, hinter hohen Mauern von privaten Polizisten bewacht. Ebenso wahr wohl: Den älteren dieser armseligen Ausgestoßenen mögen vielleicht genügend Brot und reichlich Spiele via Fernsehen, Internet und DVD in seinem tief ausgehöhlten Sessel halten; ergeben ins Schicksal, versunken im Alkohol, müde, ausgelaugt, Erklärungen suchend im wirklichen und eingeredetem Versagen.
Unter solchen Bedingungen geht die ausgleichende Mitte verloren, auch und vor allem bei der Jugend. Heran wächst, kaum aus eigener Schuld, doch im selbstverantwortlichen Handeln verstrickt, ein Janusköpfiger Mob. Einerseits die angepaßten, gestylten und die im Nadelstreifenanzug gekleideten jungen Singles auf dem Karriereweg, den links und rechts gemeine Intrigen, Rücksichtslosigkeiten, Lügen und niedergehstreckte Konkurrenten säumen. Manchmal überspringen ihre Lippen Worte, die ver- muten lassen, daß sie etwas gelernt haben, aber ach, sie lernen nur was ihnen nützt im in diesem realen Monopolyspiel.
Recht hingesehen sind auch sie nur Mob. Andererseits Jungen wie Mädchen, mit leeren Taschen, aber geweckten Wünschen. Von Anfang an zukunftsgeängstigt, auf sich ausschließlich zurückgeworfen sind die neuen vagabundierenden Kreuzritter; dürstend nach etwas, das sie irgendwie im Inneren fühlen und dennoch nicht erfassen, ziehen sie Straßen entlang, vorbei an protzenden Auslagen des Reichtums, hinfort zu Plätzen endloser Langeweile. Kreuzritter ohne heiligen Auftrag, ohne Ideale im Gepäck, hingegen mit viel angestautem Frust und deftiger Wut im Bauch. Für ihr trauriges Handwerk im Schlagen, Treten, Berauben, Erpressen, sinnlosen Vandalismus bedarf es keiner Gründe, höchstens eines zufälligen Anlasses.
Was sie angerichtet läßt sie oftmals kalt. Führt man ihnen ihr Handeln vor Augen, so vermögen sie sich nicht recht damit zu identifizieren. Wie sollten auch Identitätslose sich mit dem eigenen Tun identifizieren? Des modernen Barbaren Wesen ist es gerade seine Taten nicht mit dem Ich in Verbindung bringen zu können. Gewalt ist der modernen Barbaren letzter Schrei, zuvor nämlich achtet niemand ihrer Worte. Mit Gewalt wehren jugendliche moderne Barbaren sich gegen alltägliche Gewalt, die nicht tritt, nicht schlägt aber trotzalledem sie nieder hält. Ihre Verachtung gilt nicht bloß der etablierten, sondern jeglicher Kultur, Literatur und Kunst. Denn Künstler, Intellektuelle sind zu häufig ichverliebte, geschwätzige Selbstdarsteller im endlosen Weltpalaver, und meint es von denen einer ernst, so verstehen sie einander nicht. Moderne Barbaren kennen keine Würde, sie wollen nur überleben. Etwas anderes zu wollen ist ihnen nicht möglich, weil sie an kein Recht, keine Gleichheit, keine Wahrheit glauben. Diesen mittellosen Barbaren ist Wahrheit verschlossen in einer Gesellschaft, von der man getrost sagen darf, in ihr ist allein wahr was käuflich ist. Und ist irgendetwas käuflich, so wird es beliebig. Auch Wahrheit ist beliebig, im gefräßig medialen Zerstückelungsapparat verwurstet zur Meinung. Immer marktgerecht dargeboten als Quotenheber und leicht verdauliche Mahlzeit zwischen Werbeblöcken. Allenthalben, dies ist nichts gegen jene wirkliche barbarische Kraft des viel zuviel, gegen die uns Tag und Nacht berauschende Droge der fortwährenden Verfügbarkeit sämtlicher Dinge. Zuviel Fernsehprogramme, zuviel Filme, zuviel Waren, zuviel Autos, zuviel Unterhaltung, zuviel . . . zuviel . . . zuviel . . . von allem! Zu viele Menschen?
Schließt man aus alledem etwas? Außer einigen wenigen fällt es der Mehrheit schwer Gewohntem zu entfliehen. Unseren modernen Überflußbarbarismus haben wir zum dogmatischen Prinzip erhoben. Unumstößliche materialisierte Prinzipien zerfressen den Menschen auf Dauer innerlich. Sein Herz und Verstand überwältigt vom Über- fluß, an der Grenze psychotischer Zustände wandelnd, wird aus dem überflüssigen Einzelnen eine lebende Zeitbombe. Bei vielen brennen in immer kürzeren Abständen die Sicherungen durch: Randalierende Jugendliche, prügelnde Autofahrer, bewaffnete Radikale und am Ende der Skala völlig zerstörter Kontrolle der wahnbesessene Amokläufer.
Menschen aller Überflußgesellschaften, hört ihr die Signale?
5.
Die Entwürdigung des Menschen
Der nachstehende Teil, basierend auf den vorhergehenden Versuch der Aufhellung, des Ergründens, Nachzeichnens, skizziert die bisher darin enthaltenen Überzeugungen einer Philosophie. Aber wo war denn bislang die Philosophie? Philosophie übersetzen viele ausschließlich nur mit Liebe zur Weisheit, aber Philosophie ist als ursprungliches griechisches Wort tiefgründig mehrdeutiger. Philos beinhaltete im Altgriechi- schen auch die Bedeutung „eigen", hier im Sinne von "aneignen". Philosophieren schließt jenes Verlangen ein sich Wissen, Wahrheit anzueignen, dem einen wie dem anderen nachzuspüren, was einem Nachgehen nur um ihretwillen keines Zweckes wegen entspricht. In solchem Sinne begegnet dem Leser hier vom ersten Satze an Philosophie.
Wer philosophiert sucht Erkenntnis im reinen Beschauen der Dinge, frei vom Anspruch auf Nutzen, Gewinn, Effizienz. Grundsätzlicher Wert jeglichen Philosophierens ist sein Selbstzweck, diesbezüglich sollte es dem Menschen gleichen. Jedoch ein Selbstzweck Mensch und ein Selbstzweck Philosophie, worin sich ihre Einmaligkeit ausdrückt, ist nach den Effizienzvorstellungen der Moderne Verschwendung, brotlose Kunst. Neuerdings benutzen Wirtschaft und Gesellschaft auch Philosophie als nützliches Mittel. Konzerne, Werbeagenturen und Vereine aller Art besitzen angeblich ihre spezielle Firmen-, Verkaufs-, Orientierungs-Philosophie. Solch "Philosophie" bezweckt etwas. Diese ist statt einmalig eine Marketingstrategie. Gelegentlich kommt es sehr auf Nuancen an. Dergleichen sind Erklärungen aus dem Kabinett der Gemeinplätze? Warum wird dann aus Erkenntnis nicht Handeln?
Meines Erachtens ist die Benutzungsfremdheit der Philosophie nicht ihr einziger Bezug zum Zweckwesen Mensch. Durch ihr Gerichtetsein auf das Sein, schützt sie des Menschen Würde und gibt ihm Kriterien der eigenen Bewertung an die Hand, bewahrend vor Größenwahn oder Minderwertigkeitsempfinden. Er vermag mit Hilfe dieser Kriterien sich einzuordnen, seiner ganzheitlichen Existenz gemäß, im Allgemeinen wie im Kleinen. Im Universum ist die Erde ein winziger Planet, gelegen am Rande der Milchstraße. Philosophie verdeutlicht ihm die Begrenztheit und Endlichkeit seiner Umwelt und seines Da-Seins. Relativ zum Ganzen ist er so betrachtet unbedeutend. Aber im Rahmen des räumlich und zeitlich begrenzten Da-Seins als sittliches Wesen ist er für sich der einzige Zweck und damit bedeutend. Philosophieren schafft Würde. Philosophie ist eine trotzende Bastion menschlicher Würde. Philosophische Schutzburgen der Würde, hier verrät die sprachliche Mehrzahlform, daß verschiedenste philosophische Systeme ungeachtet ihrer Differenzen immer den Menschen und seine Würde im Mittelpunkt sehen, sind errichtet aus Gründlichkeit, tiefer Verantwortung, zusammengehalten mit dem Mörtel unentwegten Hinterfragens und sie entstehen insbesonders in langwieriger Arbeit.
Unschwer ist jedoch zu erkennen, daß derartig beschaffene Philosophie für den heute alles beherrschenden Markt nicht taugt. Philosophische Stimmen sind leise, verursachen keinen Lärm und sind nicht auf Sensation aus. Anders der Markt. Hier erzielt Wirkung, wer am lautesten schreit. Die menschliche Würde ist im Marktsystem kein Wert, sie stört. Das einzig zählende Moment ist Effizienz. Inzwischen gelten in Unternehmen auch langjährige, treue, aufopferungsvolle, fleißige Mitarbeiter in den Überlegungen kühl rechnender Manager gar nichts mehr. An ihre Stelle ist der Aktionär getreten, dessen Investitionen sollen mit den höchstmöglich zu erzielenden Dividenden belohnt werden. Mit der Methode gelingt es den Managern gleichzeitig eventuell kritischen Fragen oder womöglich wirklicher Kontrolle seitens der Aktionäre entgegenzuwirken. Denn was kann dieser mehr erwarten als eine hohe Dividende? Wenn das nun auf Kosten von Millionen ausgemusterten, Überflüssigen und fallengelassenen Menschen geht, hat ihn dies nicht zu interessieren. Die wirkliche Entscheidungsmacht liegt bei den Managern. Auf dieser Basis geschieht die Entwürdigung zweier Seiten, des Aktionärs und des Arbeitenden, die beide nur noch Statisten sind, allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, daß dem Aktionär eine mehr oder weniger reichliche finanzielle Entschädigung zuteil wird.
Die Lenkung unserer Gesellschaft, wie das Setzen von Maßstäben übernehmen derweil Macht und Effizienz orientierte Technokraten. Wirtschaftliche Belange, Standortfragen, Globalisierung steigen auf zum Dreh- und Angelpunkt sämtlichen Denkens, Handelns und sind einzige Richtschnur für die Beurteilung des Menschen, während menschliche Belange, also ethische Normen, niedergeredet, entwertet werden. Mit dem Zerstören ethischer Prinzipien wird die allseitige Würde des Menschen unterhöhlt und zum Einsturz gebracht. Die hier aufgezeigte Folgekette von verunmöglichter Identität, Schein-Individualität, Überflüssigkeit erreicht ihren Abschlußpunkt in der Entwürdigung und damit der Entsolidarisierung. Entwürdigte Menschen kennen keine Beziehungsgeflechte, sie pflegen Interessensbeziehungen, wie im Wirtschaftsleben. Jeder strebt seinen ureigensten egozentrischen Zielen nach.Ist es opportun verbündet er sich mit diesem oder jenem Zeitgenossen, ist die Absicht erreicht, haben die Partner den erwünschten Nutzen erbracht kündigt man die Beziehung auf. Entwürdigte Menschen sehen darin keine Herabsetzung menschlicher Integrität, denn sie gehen gegenseitig davon aus, daß auch der Partner aus gleicher Motivation handelt. Es gibt keine Enttäuschung mehr, aber auch keinerlei ernsthafte Bindung. Ein Tschüß, ein Gruß, ein Winken und die Beziehung ist beendet. Ohne Beklemmung, frei von wahrer innerer Teilnahme wendet sich der entwürdigte Mensch neuen Partnern zu, die wiederum aus bestimmten Interessenlagen heraus gewählt werden. Benutzte Sprache ist hierfür ein Zeichen. Begriffe aus dem Wirtschafts- bereich haben Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden und verraten, daß Beziehungen zwischen Individuen Interessenbeziehungen sind. Der Mitmensch ist Partner, gemeinsam bildet man ein Team oder Ehen sind heute Lebensabschnittsgemeinschaften. Nichts davon ist auf innige Vertrautheit basierender Gemeinsamkeit angelegt. Man arrangiert sich zeitweise und übernimmt keine Verantwortung. In ihrer Identitätslosigkeit lernen sie nie verantwortlich für eigenes Tun einzustehen, geschweige denn für den Nächsten Verantwortung zu tragen.
Es ist die Dynamik der Angst vor Verantwortung, die alle hinweg reißt. Am Ende steht die entwürdigte, bindungslose Bestie, in ihrer blanken Enthemmung nur behindert hauptsächlich steigend repressiver Methoden wegen, deren sich die Staaten aus schierer Ratlosigkeit bedienen, um zusammenzuhalten, was trotz allem auseinanderfällt. Allein die gehemmte Bestie entwindet sich Stück für Stück den Fesseln. Ellenbogenfreiheit reicht da bei weitem nicht aus. Die Bestie schlägt um sich, um Platz zu schaffen. Entnervt, überfordert, verzweifelt nach Sinn fahndend empfindet sie das eigene Sein ebenso überflüssig, wie die Existenz ihres Nachbarn. In all dem Überfluß, dem viel zuviel, ringen weltweit bestialisierte Menschen gegeneinander, glauben an Rettung durch Macht, Geld oder nackte, zum Selbsterhalt für notwendig erachtete Gewalt. Andere suchen im äußeren Schein, was ihnen nur Selbständigkeit und Mündigkeit verschaffen könnte. Sapere aude! Viele der Getretenen, in diesem Kampf Unterliegende ersehnen den Erlöser herbei. Aber er kommt nie! Also wurschtelt ein jeder fort, nicht gravierend schlechter oder übermäßig besser als seine Mitmenschen, weshalb er Jahr für Jahr seines dahinlaufenden Lebens tiefer, tiefer versinkt im Sumpf des Banalen und Mittelmäßigen.
6.Hoffnung
Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen.
Der Affekt des Hoffens geht aus sich heraus,
macht die Menschen weit,.. Sie erträgt kein Hundeleben,..
Ernst Bloch
Entfernen sich einige dem Mittelmaß, so entfernen sie sich von der Masse. Jene Einige werden mit wachsender Einsicht, angehäuftem Wissen gelegentlich sehr einsam, nicht selten Enttäuschte, meistens Hoffnungslose, gelegentlich gar Misanthropen. Sie beargwöhnen sämtliches Tun des gewöhnlichen Menschen, bestreiten die Veränderlichkeit des Haufens, bezweifeln die Lernfähigkeit der Allgemeinheit. Diese Einige gab es während aller Zeitalter. Unsere Bibliotheken wahren ihre Spuren in streitbaren Texten, entmutigt klingenden Schriften, resignativen Abhandlungen. Alle erblicken nach mehr oder weniger klugem Analysieren ihre Zeit als den Tiefpunkt menschlicher Geschichte, ihre Zeitgenossen nahe dem Höllenfeuer, als genußsüchtige Anbeter von Nichtigkeiten, des Tandes und voller Verderbtheit. Bereits Platon meinte: „Mit dieser Jugend geht Griechenland zugrunde.“
Doch Griechenland ging nicht zugrunde. Die Strafgerichte blieben aus, das Menschengeschlecht versank weder in Sodom noch Gomorrha. Freilich fuhr der Tod bei unzähligen Kriegen, Ausrottungen, Genoziden reichlich Ernte ein. Die Dummheit scheint unbesiegbar wie eh und je. Haß, Neid, Gewalt sind der Menschheit ständige Begleiter.
Müssen wir deshalb ohne Hoffnung leben? Erfüllt sich doch gerade in unserem Zeitalter vieler Philosophen Traum, nämlich daß der Mensch dank automatisierter Produktion endlich von erforderlicher lebenserhaltender Arbeit befreit ist und wir uns den zivilisatorisch-sozialen Problemen, unserer wirklichen Freiheit, dem Mensch-Sein als solchem zu wenden können. Oder wird wieder aus einem alten Traum ein neuer Albtraum? Um dies zu verhindern erachte ich die Verwirklichung dreier Werte innerhalb menschlicher Gemeinschaftsordnungen für unabdingbar: Demokratie, Gerechtigkeit, Verantwortung.
Demokratie und Gerechtigkeit müssen in der Gesellschaft immer wieder aufs Neue austariert und verhandelt werden. Sie sind ein Gemeingut, das alle angeht und Kompromisse sowie Toleranz und Pluralität verlangt. Toleranz beinhaltet die Humanität, also die Einbeziehung des menschlichen Gefühls für den Mitmenschen. Wir bilden uns oft etwas auf unsern Verstand, unsere Intelligenz ein, selten auf unser Gefühl. Doch was ist ein Mensch bar jeden Gefühls? Unfähig des Mitfühlen-Könnens. Und wohl kaum der Mensch, welcher mit dem Unbekannten, Andersartigen leben kann. Praktizierte Pluralität verlangt eine relativierende Eigen-Ansicht auf von mir für richtig befundenen Überzeugungen und Ideale. Für so wertvoll, wie ich meine Überzeugungen, Ideale halte, so wertvoll sind auch jene des Anderen. Pluralität ist Einsicht in die Gleichwertigkeit und das Ertragenkönnen des Anderen. Zudem ermöglicht sie den Zweifel an den eigenen Anschauungen. Es ist ein Zweifeln, das mich nicht abhält mein Ideal zu vertreten, sehr wohl aber mich davor bewahrt es als unangreifbar, allein seligmachend zu betrachten.
Die Verantwortung hingegen ist etwas ganz individuelles. Als Beispiel nehme ich die Vermögenden. Artikel 14, Abs 2 des Grundgesetztes stellt schlicht und in einfachen Worten fest: Eigentum verpflichtet. Also was sind die Reichen, die ihre Vermögen nur zu ihrem eigenen privaten Vergnügen benutzen? Die der Gesellschaft nicht zumindest ein Teil dessen zurückerstatten, was ihnen aus dem gesellschaftlich erarbeiteten Mehrwert zufließt? Was sind Vermögende, die jegliches Verantwortungsbewußtsein dem Armen, dem Gemeinwohl gegenüber vermissen lassen? Sie sind überflüssig, nutzlos, und wenn ich sage, daß sie Schmarotzer sind, so ist dies keine Entmenschlichung. Es ist die konkrete Klassifizierung ihres Verhaltens und Handelns, dem Verantwortungsgefühl fremd ist. Sie leben auf Kosten ihrer Mitmenschen, denn diese zählen für sie gar nicht. Dabei glauben sie sich stark. Aber jeder Starke findet seinen stärkeren Überwinder. In einer Gesellschaft, wo es nur darum geht der Stärkere zu sein, herrscht das Unrecht. Stärke, stellt Rousseau in seinem „Contrat social" fest, schafft kein Recht.
Und das Volk? Es scheint mir an der Zeit zu sein, daß das Volk sich wieder als Souverän begreift und dementsprechend handelt. Wir sind weder als Untertanen noch Sklaven, nicht einmal als Bürger geboren. Zu viele Bürger sehen sich als Staatsbürger, aber zu wenige sehn sich als freie Menschen, denn jeder und jede kommt als freier Mensch zur Welt, und nicht als Beherrschte(r). Die Regierenden sind nicht des Volkes Vormünder. Ihnen wird Macht auf Zeit verliehen, nicht ewig geschenkt. Sie sind des Volkes Angestellte, nicht deren Herrscher. Das Volk braucht nicht zu bitten, es muß fordern; fordern, daß die Wirtschaft für den Menschen da ist und nicht der Mensch für die Wirtschaft, dem Aktienroulette an der Börse oder die Gewinnmaximierung. Politische Freiheit zu besitzen, aber in wirtschaftlicher Sklaverei zu leben ist niemals Demokratie. Ein Politiker der antwortet, es gibt keine Alternative zur Globalisierung in der zerstörerischen Form, wie sie gegenwärtig abläuft, ist fehl im Amt. Er ähnelt dem Rettungsschwimmer der einem Ertrinkenden vom Ufer aus zu ruft: Es gibt keine Alternative, du mußt ertrinken. Aber des Politikers Aufgabe besteht vornehmlich im Erdenken und Aufzeigen von Alternativen. Wofür brauchte das Volk sonst Politiker?
Die Freiheit und seine Rolle als Souverän ist ein unveräußerliches Recht dessen das Volk nie verlustig werden kann, denn es ist eines jeden Einzelnen natürliches Recht. Dieses Recht beinhaltet auch den Anspruch seine Freiheit zu verteidigen, implizit des Rechtes die herrschenden Normen und Werte zu verletzen, ja gegen sie bewußt zu verstoßen, wenn diese nur den Zweck erfüllen, die Vormacht der herrschenden Klassen zu befestigen, um den Preis der Verengung und Beschneidung der Freiheit der Beherrschten. Deshalb hat das Individuum und insbesonders das Volk als Souverän das Recht zur Gegenwehr, zum zivilen Ungehorsam, ein Recht auf Widerstand, wenn die Regierenden das Gemeinwohl Klientelinteressen unterordnen, die wirtschaftlich-soziale Demokratie aushebeln und somit gegen den uralten Grundsatz des Gesellschaftsvertrages verstoßen, der da lautet: Salus populi suprema lex! - Das Wohl des Volkes ist das höchste Gesetz!
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