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Verlorene Freundschaft

Benommen und mit schmerzenden Gliedern erwache ich. Feuchter Schweiß bedeckt meinen Körper. Deutlich die Erinnerung an den Traum, welcher mich fort zog in das Unbewußte, wo die Umrisse matt und verschwommen unwirklich erscheinen. Trotzdem anheimelnd schön das Gefühl. Auch besinne ich mich: Genau so hat es sich zugetragen.

Milchig-neblig begann jener naßkalte Herbsttag. Ringsumher dunkelgraue Wolkenteppiche, als ob schwere Gewichte den Himmel belasteten und ihn auf die Erde niederdrückten. Ab und zu fegten leichte Windböen über die Gehsteige. Immer dann erhoben sich die gelbbräunlichen Blätter, aufgeschreckten Schmetterlingen gleich, und schwirrten kunterbunt in der Luft umher.

Wie an jedem Morgen, traf ich mich mit Klaus am alten Wasserturm. Hier endete der erste Teil unseres Weges zur Schule. Noch mußten wir durch eine schmale Gasse, ihrer Unheimlichkeit wegen der „Schwarze Weg“ genannt, bevor wir dann an die Haltestelle des Schulbusses gelangten. Allein wäre ich niemals die Gasse entlang- gelaufen. Aus Angst, versteht sich. Klaus gegenüber gab ich dies natürlich nicht zu. Für dieses Eingeständnis hätte ich mich geschämt, war er doch mutig und unerschrocken.

Er stand unbeweglich wie eine Statue, sein rechtes Bein angewinkelt, neben dem Eingang zum ausgedienten Wasserturm. Irgendwie sah er in dieser Haltung sonderbar entrückt aus, da ich ihn im Nebel nur schemenhaft erkennen konnte. Dichte weiße Schwaden zogen im Licht der Laterne dahin.

„Guten Morgen, Klaus!“ rief ich.

„Pst, nicht so laut“, kam die leise Antwort. Während ich auf ihn zuging, bemerkte ich, daß er sein Ohr an die Backsteine des alten Wasserturms hielt. Erschrocken blieb ich vor ihm stehen.

„Na komm schon und hör dir das an“, sagte er.

Zaghaft trat ich näher und stellte mich neben ihn. Zuerst befühlte ich die Steine mit den Händen. Dann lauschte ich. Mir schauderte. Die Geräusche von monotonem Rauschen und einem an- und abschwellenden Pfeifen hörten sich wie ein ferner Sturm, wie das ständige Wiederkehren von sehnsuchtsvoll aus- gestoßenen Schreien an.

„Laß uns in den Turm gehen“, schlug Klaus vor.

Entsetzt wich ich zurück.

Er lachte. „Angsthase!“ meinte er. Und mit einem Sprung stand er vor der Eingangstür. Anfangs rüttelte er behutsam an der Klinke, dann trat er heftig gegen die Tür, worauf ein Flügel ruckartig aufsprang. Langsam verschwand Klaus in der Finsternis.

„Wo bleibst du!“ fragte er auffordernd.

Alles andere als wagemutig stieg ich die schiefen Steintreppen hinauf. An der Eingangsstufe stolperte ich. Klaus erfaßte mich zum Glück am Handgelenk, so daß ich nur leicht strauchelte und nicht fiel. Meine Augen flackerten. Erst allmählich gewöhnten sie sich an den dämmrigen Schein.

„Unheimlich – findest du nicht auch?“

Ich schwieg und nahm fast mit jedem Atemzug die eigenartige Atmosphäre in mich auf. Es war unheimlich – wahrhaftig. Aber für mich auf eine gewisse Art unheimlich berührend. Im Takt schlugen Wassertropfen auf den Boden. An der wuchtigen Mauer befand sich eine eiserne Wendeltreppe. Sie verlor sich hoch im Dunkel. Wohin sie führte, konnte ich nicht sehen. Eher eine Ahnung oder die Hoffnung, daß man nach oben gelangen möge, vielleicht bis über die Wolken, um dort die tatsächliche Kleinheit des vermeintlich Großen betrachten zu können.

Auf einmal unzählige Geräusche. Knacken, Knarren, Rascheln, Klopfen, Zischen.

Merklich befiel meinen Freund Unruhe. „Komm! Gehen wir!“ verlangte er drängend. Doch ich rührte mich nicht, und ohne mich weiter zu beachten, lief er hinaus.

Wie eigenartig: Ich kümmerte mich wenig um die Furcht von Klaus und sein Weglaufen. Mich über mich selbst zu wundern, hatte ich im Augenblick keine Zeit. Magisch anziehend wirkte die sich nach oben verjüngende Wendeltreppe. Etwas trieb mein Inneres zum Verharren, Staunen. Ich weiß nicht, warum und was es war. Mich am rostigen Geländer festhaltend, tastete ich mich Schritt für Schritt voran. Deutlich zu spüren waren Nässe, Kälte und Feuchtigkeit der Wand, an welcher kleine Wasserrinnsale entlang flossen.

Je mehr ich mich von der ebenen Erde entfernte, desto stärker wurde mein Verlangen, einen Blick nach unten zu riskieren. Ich tat es, und mir schwindelte bei dieser Ansicht. Das war nicht zu ertragen. Schneller und schneller lief ich weiter.

Die Treppe endete direkt an einem morschen, schmutzigen Bretterboden. Er umfaßte eine breite Öffnung, in der Mitte des Raumes gelegen. An dieses Loch trat ich heran, kniete nieder und beugte mich soweit wie möglich über den düsteren Abgrund.

`Dort liegt das Nichts´, dachte ich bei mir. Hingebungsvoll schloß ich die Augen. Die Hülle aus Fleisch und Knochen fühlte ich von mir abgleiten. Bei meinem Fall blieb alles zurück.

Unbeschreiblich das Schweben in das Nichts. Ich fiel in eine schwarzes, fernes Etwas, von fremder Kraft getragen, bis ich festen Boden unter meinen imaginären Füßen empfand.

Eine sandige Chaussee war es, auf der ich mich umzuschauen begann. Welch Wunder! In kurzem Abstand vor mir zwei Herren, die gemütlich einherwandelten. Sie trugen fremdartiges Schuhwerk. Bei dem einen reichten die Schäfte bis zu den Waden, so daß sein langer heller Mantel von ihnen am Saum in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Schuhe seines Begleiters hatten eine spitze, schmale Form, die Hacken waren ziemlich abgelaufen. Seine Kleidung bestand aus einer dunkelbraunen Hose und einem gleichfarbigen Gehrock. Den Kopf bedeckte ein zerknitterter, staubiger Zylinder, in der rechten Hand schwenkte er einen Spazierstock.

Gepackt von einem wunderlichen Gefühl, rannte ich den beiden Männern hinterher. Überholte sie, wobei ich einen flüchtigen Gruß über meine Lippen brachte, und blieb dann wie angewurzelt mitten auf dem Wege stehen.

So aufgehalten, unterbrachen die zwei seriösen älteren Herren ihr Gespräch. Prüfend sowie sichtlich im unklaren über mein weiteres Verhalten, schauten sie mich überrascht an, doch da ich beharrlich stumm blieb und vielleicht erstaunt über mein Vorgehen, wollten sie ihren Weg fortsetzen.

„Halt! Halt!“ rief ich. „Warten sie doch bitte! Wer sind sie denn eigentlich?“ fragte ich hastig.

Benommen betrachteten die zwei Herren einander. Aber sogleich fanden sie ihre Fassung wieder. „Aber Kindchen“, entgegnete der Mann im weißen Mantel mit jovialer Geruhsamkeit, „du kennen uns nicht?“

„Woher?“, fragte ich zweifelnd.

„Er kennt uns nicht“, sagte der andere Mann im Anzug und mit Zylinder sichtlich erfreut. „Ist das nicht traumhaft?“

„Daß wir dies noch erleben dürfen! Welch ein glücklicher Tag“, triumphierte der Herr neben ihm. Freudentaumel bemächtigte sich ihrer.

„Bitte, erklären sie mir doch, wer sie sind?“ sagte ich fast flehentlich.

Allenthalben interessierten jene sich überhaupt nicht mehr für mich. Einhellig, als hätten sie es seit langem abgesprochen, begannen sie jauchzend zu jubilieren. Was geschah jetzt? Sie nahmen einander in die Arme und tanzten im Walzerschritt, wobei sie zu singen begannen.

Verstört hastete ich über das freie Feld davon, weil ich diesen Anblick nicht ertragen konnte. Hinter mir noch vernehmbar der mißtönende Gesang.

Atemlos entkräftet kam ich in einen Wald voller stachligem Gestrüpp und sich im Winde wiegenden

Bäumen, die himmelhoch ragten. Unsicher und betäubt von dem vorangegangenen Erlebnis, kämpfte ich mich schleppend durch diese schaurige Gegend, wo grausige Hinterhalte lauerten: Krakenhafte Auswüchse phantastisch anmutender Pflanzen, in denen ich mich verfing und von denen ich mich nur unter Mühen loseisen konnte. Vor mir eine sich plötzlich aufklafende Erdspalte. Mein Körper, dessen Entledigung offenbar eine böse Täuschung gewesen war, schmerzte. Vom Kopf bis zu den Zehen blutbesudelt, rang ich mit den Gewalten. Verbissen eroberte ich Meter für Meter. Auch als die Bäume immer enger beieinander standen, die Stacheln der Büsche zunehmend spitzer, einschneidender, ja messerscharf wurden und mir die Brust aufrissen, gönnte ich mir keine Rast. Meine Kleidungsstücke klebten an der Haut, die an manchen Stellen zerfetzt am Körper herabhing. Selbst mein Herz lag frei. Ein tiefer, langer Schnitt hatte es halb entzweit, und mir war, als sei es ausgetrocknet. Mit selbstüberwinderischer Entschiedenheit zerrte ich das Herz aus der Brust und tränkte es in meinen unentwegt blutenden Wunden. Wie ein Schwamm sog es das Blut in all seine Adern, worauf mein Herz lebhafter denn je wieder zu pulsieren begann.

Nach einiger Zeit erreichte ich ein schaurig glucksendes, brodelnd Blasen erzeugendes Moor. Blubbernd sich schlundartig auftuend, zum Alles verschlingen bereit, erwartete es mich. Und dennoch sprang ich heldenmütig in die dampfende Masse. Unbeugsam erstarkte in mir der Lebenswille, den ich zäh der erbarmungslosen Naturgewalt entgegenstellte. Nicht die körperlichen Verletzungen waren es, die Gedanken peinigendes Elend und zermürbender Verlassenheit in mir aufkommen ließen. Die tatsächlichen Ursachen hierfür lagen in meiner Angst, den Zweifeln und der Hoffnungslosigkeit.

Selbst als ich das Moor überwunden hatte, blieb mir keine Atempause oder Gelegenheit, mich von den Strapazen zu erholen. Das Land, auf welches ich mich unter mörderischen, geistigen und physischen Belastungen nach einer nicht in alltäglichen Zeiteinheiten meßbaren Dauer erschöpft kriechend rettete, stand nämlich in Flammen. Züngelnd gierig breitete sich das Feuer mit rasender Geschwindigkeit aus, begünstigt von drückender Trockenheit.

Abgekämpft, nahezu ohne wirkliches Bewußtsein widerstand ich den dreisten Angriffen der gelblich- roten Feuerbrunst. Glücklicherweise begann es nach einer Weile schlagartig zu regnen. Fauchend stürzte das Flammenmeer in sich zusammen. Wie Pfeile flogen grell leuchtende Blitze aus den Wolken. Einer der Blitze sauste unter grollendem Donner direkt neben meinen Füßen nieder, und die gesamte Umgebung geriet zusammen mit mir in Bewegung. Betäubt stürzte ich zu Boden.

Als hätte ich geschlafen, fand ich mich ausgestreckt auf einer saftig grünen Wiese wieder. Sonderbar lindernd umhüllte meinen wundfreien Körper amaryllisch duftende Frühlingsluft.

Nicht genug des Außergewöhnlichen. Nur in knapper Entfernung von mir sah ich eine festlich gedeckte Tafel, beladen mit Feinschmeckerspeisen, wie Hummer, Schnecken, Austern und zartem Rostbeef, neben denen geöffnete Champagnerflaschen standen. Das alles erschien mir sehr exotisch. Selbiges traf auch auf jene Menschen zu, die, wohl in gewichtige Gespräche vertieft, nahe der Tafel standen.

Inmitten dieser eigenartigen Leute erblickte ich die zwei Fremden, denen ich auf der Landstraße begegnet war. Sie lächelten mir freundschaftlich mit einem aufmunternden Nicken zu. Dann verschwanden sie im Getümmel der vielen Menschen.

„Was ist dein Begehr?“ sprach mich, mit graziöser Mundformung, gespreizt ein zierlicher junger Mann an, dessen langes, dunkellockiges Haar pomadenreich glänzte.

„Ich suche… ich suche…“, da stockte ich und wußte nicht weiter. „Ja, was suche ich eigentlich?“ fragte ich verwirrt laut in die Runde hinein.

„Die Wahrheit! Stimmt´s? Wir kennen das. Oje, wie albern“, sagte der junge Mann nüchtern. Er hatte all seine gekünstelte Art verloren. „Du Narr! Was hast du nun davon? Warum bist du nicht auf der geraden Straße geblieben, die an so erquicklich zauberhaften Dingen vorbeiführt und so bequem ist? Wolltest wohl unbedingt etwas Besseres sein? Armer Irrer, hier ist es jetzt dafür um so langweiliger, und das ewig. Hat es dir genützt, der leidvolle Kampf mit den Gewalten? Sein Siegespreis ist das absolute Nichts, die Vergeblichkeit. Sieh ein, es war sinnlos.“

Betroffen und mitleidig gestimmt wendete er sich um und rief, an die versammelte Gesellschaft gerichtet: „Oh Freunde! Solche Toren wie wir es einstmals gewesen, sind auf der guten alten Erde noch immer nicht ausgestorben.“

Auf seinen Ausruf hin drehten sie ihre Köpfe zu ihm und machten bekümmerte Gesichter.

An mich gewandt, fuhr der junge Mann fort: „Du bedauernswertes Geschöpf, was hast du vollbracht? Gar nichts, sage ich dir. Konntest du den Teufelskreis durchbrechen? Nein! Auch zukünftig beißt sich das stachlige Gestrüpp in das Fleisch jedes Unbesonnenen, der den Gang in den Wald wagt, auch weiterhin bohren blutsaugende Nadeln ihre Spitzen durch die Haut bis in das Mark der Glieder, noch immer lechzt das Moor nach leichtgläubigen Opfern, noch immer lodert das Feuer, so wie es ewiglich gebrannt hat und ewig brennen wird. Du bist noch jung. Kehr diesem Ort den Rücken, noch hast du Zeit. Fliehe!“

Er schwieg einen kurzen Moment. Plötzlich begann er, mit einem melancholischen Lächeln auf seinem Gesicht, zu singen:

„Huldreichster Tag, dem ich aus Dichters Traum erwacht!

Daß ich erträumt, das Paradies, in himmlisch neu verklärter Pracht

Hell vor mir lag, dahin lachend nun der Quell den Pfad mir wies.

Die dort geboren,

Der Erde lieblichstes Bild,

Als Muse mir geweiht,

So heilig ernst als mild,

Ward kühn von mir gefreit,

Am lichten Tag der Sonnen

Durch Sanges Sieg gewonnen

Parnaß und Paradies!“

Sichtlich erregt, zudem von der Schwermütigkeit der Melodie hingerissen, sprang ein Mann auf die Tafel und schrie mit entsetzlicher Stimmeskraft: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten! Ich weiß nicht, was soll es bedeuten!“

Total geschwächt von dieser Gefühlsaufwallung, anfänglich noch wankend, fiel er sodann mit den Knien auf die Tischplatte und fing kindlich zu schluchzen an, worauf die Umstehenden wehmütig verlegen ihre Köpfe senkten.

Ein Dritter beugte sich zu mir herab und flüsterte in mein Ohr: „Das Leben ist gar nicht so, es ist in Wirklichkeit ganz anders.“

Totenbleich schaute ich durch all diese Menschen hindurch. Völlig entnervt rappelte ich mich auf und rannte fort. Ich kletterte einen Hügel hinauf.

Auf der Kuppe angekommen, sah ich im Tal ein Mädchen mir zuwinken. Fröhlich gestimmt lief ich ihr entgegen, dauernd sie und ihre winkende Hand vor Augen. Doch so viel ich auch rannte, ich kam ihr nie näher.

Jemand rief meinen Namen. Klaus, natürlich. Ich fror, und eine Gänsehaut überzog meine Arme. Daran war weniger die Kälte schuld, sondern hauptsächlich das intensive Begreifen des Geschehenen. Weil ich damals, als ich den Ort verließ und die Treppen abwärts ging, von der Wirklichkeit meines Erlebnisses fest überzeugt war, woran zu glauben mich niemand abgebracht hätte.

„Was ist passiert?“ Mit dieser Frage empfing mich Klaus vor dem Wasserturm. Die Sonne stand wie ein aufrecht gestellter Käse am Horizont, und ihre Strahlen durchbrachen den Nebeldunst, der sich allmählich aufzulösen begann.

„Ich habe es erlebt, gefühlt“, redete ich, noch im Überschwang der Erinnerung, abwesend dahin.

„Wovon sprichst du?“

„Ach, nichts. Vergiß es“, wehrte ich ab, denn diese Geschichte konnte ich ihm ja nun doch nicht erzählen, und ich wollte es auch nicht. Das war mein Geheimnis.

Es wurde Zeit, in die Schule zu gehen, höchste Zeit. Auf dem Weg dorthin beratschlagten wir, welche Entschuldigung für unser Zuspätkommen die glaubwürdigste wäre. Das war gar nicht so einfach. Einigkeit bestand zwischen uns allein darüber, um jeden Preis die Wahrheit zu verschweigen, weil nämlich das Betreten des Wasserturms strengstens verboten war.

„Weißt du“, sagte Klaus, kurz bevor wir den Schulhof erreichten, „am besten ist es zu sagen, zwei Busse sind ausgefallen, und deshalb mußten wir laufen. Einverstanden?“

„Gut, aber du darfst auf keinen Fall dabei Lachen.“

„Wieso? Soll ich das vielleicht erzählen?“

„Na klar, die Idee ist doch von dir.“

„Nein, nein, nein. Mach du das lieber. Ich komme bei solchen Sachen immer ins Stottern.“

„Seit wann denn das?“

„Ist dir das noch nicht aufgefallen?“ meinte er mit einem heftiges Erstaunen ausdrückenden Ton in der Stimme.

„Ich habe dich noch nie Stottern hören.“

„Da kannst du mal sehen, wie ehrlich ich bin.“

Zustimmend legte ich meinen Arm um seine Schultern. Ich schätzte mich glücklich, einen so guten Freund zu haben.

Grelles Neonlicht erhellte den Klassenraum, als wir eintrafen. Beschäftigt mit Schreibarbeiten, saßen die anderen Kinder in ihren Holzbänken. Unsere Lehrerin stand mit dem Rücken zu den Schülern und schrieb mit Kreide zwei Texte an die Tafel. Kaum hatten wir die Tür hinter uns geschlossen, wurde in den Reihen getuschelt, wodurch Frau Krüger, so der Name unserer Klassenlehrerin, selbstverständlich unser Kommen bemerkte.

„O, guten Morgen. Schon ausgeschlafen, die Herren?“ begrüßte sie Klaus und mich lakonisch. Dabei kniff sie die Augen zusammen, und ihr Gesicht bekam wieder diesen listigen Ausdruck, den wir bestens kannten und der wenig Gutes verhieß. Völlig zutreffend hatten ihr die älteren Jahrgänge aufgrund ihres unverwechselbaren Blickes, wegen der ganzen Physiognomie in solchen Momenten den Spitznamen „Fuchs“ gegeben.

Aber das beeindruckte mich jetzt kaum. Ich stand nicht allein vor ihr, was mir eine innere Stärke verlieh.

In knapper Form brachte ich also die vereinbarte Entschuldigung vor.

Gelassen vernahm sie meine Rede, und dennoch glaubte ich, nicht besonders überzeugend auf sie gewirkt zu haben. Was sich auch sofort als richtige Beobachtung herausstellen sollte, denn ohne näher auf meine Erklärung einzugehen, fragte sie Klaus, ob die Schilderung stimme.

„Nein!“ kam es von ihm wie aus der Pistole geschossen; er zögerte nicht einmal. Es schien, als habe er geradezu auf diese Frage gewartet. „Wir waren im Wasserturm, das heißt eigentlich nur er“, erzählte Klaus mit einer ungehemmten Redseligkeit. Mir wurde kalt und heiß.

Es war, als fühlte ich einen Dolch im Rücken. `Ist das seine Rache für meine Verschwiegenheit?´, dachte ich bestürzt.

„Sogar bis hinauf zum Wasserkessel ist er gegangen. Deshalb kommen wir erst jetzt. Er wollte jedoch unbedingt verhindern, daß irgend jemand davon erfährt – so kam er auf den Einfall mit dem Bus…“

„Das reicht, Klaus“, unterbrach ihn die Lehrerin. „Setzt dich auf deinen Platz.“

Er ging freudestrahlend und ließ mich zurück.

Da stand ich nun, vierundzwanzig Kinderaugenpaare auf mich gerichtet, und stierte wie gebannt Klaus hinterher. Vielleicht würde gleich alles vorbei sein, weil ein Wunder mich rettete.

Umsonst. Meine letzte Hoffnung zerrann, als ich merkte, daß Klaus mich absichtlich übersah. Er blätterte in seinem Heft, nahm den Füllfederhalter aus der Mappe und machte sich betont eifrig ans Abschreiben.

Das auf mich niederprasselnde Donnerwetter verhallte bei mir ungehört, denn mein Inneres war von Bitterkeit und Enttäuschung voll. In meinem Magen rumorte es, und ich vermochte nur mühsam die hochkommende Tränenflut zurückzuhalten.

Ich verlor damals meinen einzigen Freund, und nicht nur das.